Fünf Fragen … an den Kommandeur der Division Schnelle Kräfte

Herr General, die Bereitschaftsphase der European Union Battle Group 2020-2 ist in wenigen Tagen beendet. Unter Ihrem Befehl stand der multinationale Verband vom 1. Juli 2020 an in Bereitschaft. Ursprünglich hätte diese Aufgabe schon zum 31. Januar übergeben werden sollen, jetzt endet sie am 31. März 2021. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Das war ein spannender Auftrag, der ganz anderes entwickelt hat, als wir das alle erwartet haben. Das fing in der Vorbereitungsphase schon an, da hatten wir durch Corona plötzlich ganz andere Rahmenbedingungen. Deswegen konnten wir einige unserer Vorhaben in der Vorbereitung gar nicht durchführen. Das setzte sich fort in der Durchführungsphase. Viele weiteren Ausbildungen und Übungen oder die geplante DemoEx konnten nicht durchgeführt werden, weil sie entweder nicht verantwortbar waren oder der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen gestanden hätte.

Der zweite wesentliche Unterschied ist die Verlängerung. Diese war so auch nicht vorgesehen und ergab sich aus der Notwendigkeit, eine Lücke zu schließen. Von dieser Lücke haben wir praktisch die Hälfte übernommen. Wir konnten dies auch übernehmen, aber eben nicht mit allen multinationalen Partnern, weil nicht alle diese Flexibilität hatten. Zum Teil auch sehr nachvollziehbar aus strukturellen Gründen. Bei unseren Kräften ging dies, mit vergleichsweise begrenztem Aufwand, deswegen haben wir dies auch gemacht.

 

Im Hinblick auf die Kernfähigkeit, schnelle Verlegung, Einsatzbereitschaft, wie ist da Ihre Bewertung?

Das passt für die Division Schnelle Kräfte ideal. Der Kernauftrag der EU Battle Group ist ja, in einem Umkreis von 5.000 Kilometern rund um Brüssel wirksam zu werden. Bei Bedarf so schnell wie politisch erforderlich. Das ist in der Regel nach einer politischen Entscheidung dann sehr schnell. Wie schnell diese wiederum getroffen wird, ist eine andere Frage und nicht unsere Ebene. Wir sind sozusagen der Lieferant, wenn bestellt wird. Natürlich unterstützen wir in der Vorbereitung auch bei der Planung. Danach sind wird aber in sehr kurzer Zeit in der Lage zu verlegen und auch Wirkung am Boden zu erzielen und nicht nur erste Teile vor Ort zu haben.

Das entspricht natürlich der Struktur einer Luftbeweglichen Division wie der unseren perfekt. Da fängt schon an mit unseren Gefechtsstandstrukturen, unserer Fernmeldeausstattung, und natürlich nicht zu vergessen, unserem Mindset. Wir sind als Kräfte der ersten Stunde gewohnt, irgendwo schnell hinzugehen. Wir erwarten nicht, dass jemand für uns alles vorbereitet hat. Das ist typisch für die Luftlandetruppe, die das nicht braucht. In unseren Strukturen ist auch der Prozess des Aufmarsches von Truppenteilen in ein Einsatzgebiet, des Herstellens der Einsatzbereitschaft und des Verlegens in die endgültigen Bestimmungsorte möglich. Das können wir halt auch selbstständig!

 

Das Ende einer EUBG ist auch immer der Anfang einer neuen, also die Vorbereitung auf die nächste eigene Bereitschaftsphase. Was sind die wichtigsten „Lessons Learned“, die die Division als Leitverband mitnehmen kann?

Ich möchte zunächst einmal herausstellen: Wir hatten eine Zusammenarbeit mit neun Nationen, zumindest in der ursprünglichen Kernphase der ersten sechs Monate. Das war eine Herausforderung. Es waren ja nicht nur NATO-Nationen, was die Standardisierung in den Bereichen Fernmeldeausstattung und Verfahren nicht einfacher macht. Aber es ist uns sehr gut gelungen, das Ganze in den Griff zu bekommen. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass man solche Vorhaben auch innerhalb der Europäischen Union problemlos umsetzen kann, wenn man den entsprechenden Vorlauf hat. In der EU braucht es sicherlich etwas mehr Vorlauf, es müssen bestimmte Dinge ausprobiert werden, und wir müssen als Framework Nation – als Anlehnungsnation – in Vorleistung gehen. Bestimmte Ausstattungen des Gefechtsstandes, bestimmte Kommunikationsmittel müssen wir haben und den anderen Nationen zur Verfügung stellen können. Ansonsten sind bei der derzeitigen Ausstattung bestimmte Schnittstellenprobleme nicht beherrschbar. Das können wir aufgrund unserer Ausstattung, und das war auch zwingend notwendig. Anders hätte es nicht funktioniert.

 

Zur EUBG 2020-2 gehörten neben dem deutschen und niederländischen Anteil etliche weitere Nationen zu den Truppenstellern. Warum wird so ein Auftrag nicht rein national oder bi-national durchgeführt? Dies würde den Koordinationsaufwand doch erheblich verringern?

Natürlich verringert sich mit einer kleineren Anzahl Beteiligter mit unterschiedlichen Verfahren und politischen Strukturen der Koordinationsaufwand. Der entscheidende Punkt ist aber, dass der Auftrag der EUBG ein zutiefst politischer ist. Wenn Sie sich die Aufträge anschauen, dann ist der Kern eine schnelle Reaktion in einem Spektrum, das von der humanitären Hilfe bis zur Überwachung eines Waffenstilstands reicht. Wir sind als EUBG nicht dazu da, in einem großen Krieg den Angriff zu führen. Das bedeutet, dass die Beteiligung von Partnerländern ein entscheidendes Kriterium ist. Das Ganze gilt es immer abzuwägen gegenüber der zusätzlichen Koordination, gerade je kleiner die Truppenanteile sind, zum Beispiel im Hinblick auf die schon angesprochenen Kommunikationsmittel. Denn auch für diese Nationen wird es dann schwieriger, das entsprechende Gerät mitzubringen und kompatibel zu sein. Da sind wir auch immer mehr darauf angewiesen, eigenes Personal und Ausrüstung für die Anbindung zu stellen. Das findet seine Grenze, wenn man effektiv und effizient sein will. Der Punkt ist: Über diese Balance muss man nachdenken. Und das hat auch immer etwas mit den Gebindegrößen zu tun. Die deutsch-niederländische Kooperation ist da ein schlechtes Beispiel, weil sie ein gutes Beispiel ist. Die Verfahren unserer Zusammenarbeit sind längst eingespielt.

 

Es wird in den nächsten Jahren mit großer Sicherheit eine erneute Verpflichtung der DSK in einer EUBG zu erwarten sein. Was bedeutet dies schon jetzt für die Division?

Zunächst kann ich feststellen, dass unser Plan für die Vorbereitung und Umsetzung gut war, soweit unter Corona möglich. Die nationale Zertifizierung, die schon unter internationaler Beteiligung durchgeführt wurde, war in diesem Falle besonders hilfreich. Damit konnten wir die Übungsziele entsprechend aufteilen und sie wurden realistisch. Und für einen Kernbereich konnten wir parallel die Zusammenarbeit schon optimieren. Das hat erheblich geholfen. Es war, wie unsere alliierten Partner sagen würden, dann auch „mission critical“, im Rahmen einer eigentlich großen Zertifizierungsübung den Anteil Kommunikation durchzuführen. Der hat tatsächlich dazu geführt, dass wir sagen konnten: Wir sind einsatzbereit, sollten wir abgerufen werden. Denn wir konnten mit allen kommunizieren. Die gesamte Volltruppe konnten wir in der Form in Deutschland schon nicht mehr zusammenführen. Nicht nur wegen uns, sondern weil auch andere Nationen schon die Corona-Notbremse gezogen hatten. Das haben wir versucht, so gut wie möglich, über Verfahren und Standardisierung auszugleichen. Auch da hat die Division Übung, da wir an sich ja schon bi-national aufgestellt sind und das gewohnt sind. Ich glaube, aus der Bi-Nationalität kommend hat man eine andere Gewöhnung an die Standardisierung mit neuen Partnern. Damit ist man kulturell weiter aufgestellt, denn man kann ja auch von anderen lernen.

Unabhängig davon sind wir als Partner so groß geworden, dass allen Beteiligten klar war, dass man sich im Zweifel nach uns beiden richten musste, und unseren eingeübten Verfahren. Das hat natürlich auch geholfen.

Zudem ist der Begriff Battle Group auch ein wenig irreführend. Am Ende hat man dort ein Forces Headquarter, das hätte die Division hier gestellt. Nebenbei gibt es im eigentlichen Einsatzverband erhebliche Kräfte, zum Beispiel ein komplettes Logistikbataillon aus Österreich. Diese Zusammenarbeit lief auch sehr gut. Mit einer Nation, die zudem auch die gleiche Sprache spricht, arbeitet man natürlich oft auch einfacher zusammen. In diesem Fall war der andere große Partner für uns auch sehr hilfreich.

Es gibt aber auch Kriterien, die darf man nicht außer Acht lassen. Je bunter die Zusammenstellung wird, je schwieriger wird es militärisch und je länger muss die Vorbereitungszeit sein. Und man braucht im Zweifelsfall auch mehr Partner, die bereit sind, Truppe in diesen Einsatz zu senden. Aber das ist eine politische Entscheidung. Natürlich ist bei einem echten Einsatz jeder dieser Einsätze noch einmal eine eigene Entscheidung. Wir waren daher mit neun beteiligten Nationen im Bereich der Koordination schon gut gefordert.

EUBG 2020-2

Von der Maximalstärke von 4.100 Soldatinnen und Soldaten stellte Deutschland mit rund 2.500 Männern und Frauen den größten Anteil der European Union Battle Group (EUBG) 2020-2 – hier im Kern die Division Schnelle Kräfte mit ihrem Stab aus Stadtallendorf sowie dem Fallschirmjägerregiment 26 aus Zweibrücken. Beteiligt waren insgesamt neun Nationen, von denen sich die Niederlande mit rund 730 Soldaten den zweitgrößten Anteil stellten. Österreich war mit 530, Kroatien mit 230, Tschechien mit 150, Irland mit 155, Finnland mit 70, Schweden mit 20 sowie Lettland mit 10 Soldaten und Soldatinnen beteiligt.

 

Zum Foto:

Generalmajor Andreas Hannemann  (links), Kommandeur der Division Schnelle Kräfte (DSK) und designierter Forces Commander der European Battle Group, mit Brigadegeneral Maurice Timmermanns, stellvertretender niederländischer Kommandeur DSK und designierter Deputy Forces Commander der European Battle Group im Interview. (Foto: Bundeswehr/Frederik Ströhlein)

 

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