DefenseValley Plattform für Defense Start-ups

Lesezeit: 4 Minuten

Interview mit Lorenz Lehmhaus Geschäftsführer von DefenseValley:

Herr Lehmhaus, Sie sind Gründer von DefenseValley- was ist die Zielsetzung und welche Akteure aus dem Verteidigungsumfeld können profitieren?

Die Zielsetzung von DefenseValley ist es eine neuartige und nachhaltige Innovationslandschaft im deutschen Sicherheits- und Verteidigungssektor zu schaffen. Defense Start-ups, also junge, innovative Unternehmen mit potenziell sicherheitsrelevanten Geschäftsmodellen und Technologien, sollen die Chance erhalten diese Fähigkeiten der Bundeswehr sowie Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) zur Verfügung zu stellen. Dabei ist DefenseValley weniger ein Unternehmen als eher eine Marke zu betrachten, unter der sich diejenigen sammeln können, die diese Innovationslandschaft mitgestalten wollen.

Welche Akteure aus dem Verteidigungsumfeld können profitieren?

Primär profitieren die Frauen und Männer in der Bundeswehr und den BOS, da sie die modernste Technologie erhalten, um Ihren Auftrag auszuführen. Dies setzt jedoch voraus, dass entsprechende Strukturen in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie und der Bundeswehr geschaffen werden, um dies zu ermöglichen.  Die Bundeswehr hat die Notwendigkeit zum Handeln erkannt und gründete daher 2017 den Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw). Die Selbstbefähigung der Truppe ist wegweisend, aber um Startups längerfristig auch in die Beschaffung einzubinden, bedarf es einer weitreichenden Reduzierung der Komplexität von Verantwortlichkeiten, Vorschriften und Verfahren im Projektwesen. Um dies zu erreichen muss sich die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie aktiv in diesen Prozess einbringen.

Dem häufig software-zentrischen Geschäftsmodel von Startups, stehen die mehrheitlich hardware-zentrischen Geschäftsmodelle der großen Systemhäuser, die auf langfristig geplante und bereits umgesetzte Entwicklungen ausgelegt sind, entgegen. In der Praxis führt dies dazu dass der Zeitplan für Hardware-Aktualisierungen beim Panzer oder Kampfjet, den Zeitplan für Software-Aktualisierungen bestimmt. Das Resultat sind mehrjährige Entwicklungszyklen, die in einer Zeit täglicher Bugfixes und Softwareupdates, zum Scheitern verurteilt sind. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie erhält durch eine nachhaltige Innovationslandschaft schließlich Zugang zu neuen Entwicklungsmethoden sowie zu Personal, das nicht nativ im Verteidigungsbusiness arbeiten wurde. Außerdem ergeben sich Investmentmöglichkeiten sowie eine potenzielle Vergrößerung des Portfolios von Systemhäusern.

Was sind die aktuellen Projekte, an denen Sie arbeiten?

Derzeit betreue ich Startups in den Bereichen Open Source Intelligence und unbemannte Systeme, zwei der zukünftig wichtigsten Fähigkeiten im Bereich der Aufklärung bei der Bundeswehr. Zudem stehe ich im engen Austausch mit einer Vielzahl an Unternehmen, die die Notwendigkeit zum Handeln erkannt haben und von den genannten Vorteilen profitieren wollen. Die enge Kooperation mit den Großen der Industrie ist für Startups essenziell, da erstere den Zugang zum Kunden, das Kapital und Wissen haben und somit Startups in Projekte einbinden können. Schließlich beteilige ich mich noch am Austausch zwischen Wirtschaft und Politik, um entscheidende legislative Weichenstellungen zu befördern.

Messen und Veranstaltung sind momentan stark eingeschränkt, wirkt sich das auf Sie aus?

Während die vergangenen Jahre geprägt waren von einer Abgrenzung zur Öffentlichkeit, bietet die gegenwärtige Situation dem gesamten Sicherheits- und Verteidigungssektor eine einmalige Chance mithilfe neuer Kommunikationswege und Medien die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Diese Chance sollte gleichermaßen von Politik, der Bundeswehr und natürlich der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ergriffen werden. Mit dem Wegfall der bekannten Messen und Veranstaltungen wurden die zuvor bisweilen wenig genutzten Sozialen Medien, wie Twitter und LinkedIn, für eine kurze Zeit sogar Instagram, mit überraschend positiv Ergebnissen genutzt.

Ich informiere darüber hinaus durch den DefenseValley Newsletter über Verteidigungs-Startups in den Technologiefeldern KI, unbemannte Systeme, Cyber Security, sowie themenrelevanten Nachrichten. Auf der Suche nach neuen Inhalten gaben etablierte Medien unerfahrenen Schreibern wie mir die Möglichkeit, Beiträge zu den Themen Startups im Verteidigungssektor, Open Source Intelligence und NewSpace bei der Bundeswehr zu schreiben. Gemeinsam mit dem Behördenspiegel konnte ich den deutschlandweit ersten Defence Innovation Pitch Day veranstalten, bei dem Soldaten, Startups, und die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ihre innovativen Ideen pitchten. Das Ziel der Veranstaltung war es, alle notwendigen Stakeholder an einen Ort zu bringen, um einen ganzen Tag über das Thema zu diskutieren. MdB Florian Hahn (CSU), einer der größten Fürsprecher von Startups im Verteidigungsumfeld durfte dabei natürlich nicht fehlen.

Im Vorfeld der Veranstaltung interviewte ich die Gründer der am Pitch Day teilnehmenden Unternehmen im Defence Innovation Talk, wobei wir die Menschen und ihre Startup Erfahrungen in den Mittelpunkt gestellt haben. Highlight war eine exklusive Session mit Palmer Luckey vom US Verteidigungseinhorn Anduril Industries, welches vor kurzer Zeit einen Auftrag über 1 Milliarde USD von der US Luftwaffe erhalten hat. Für die Zukunft betrachte ich Messen und Veranstaltungen jedoch weiterhin als unverzichtbar. Der konzentrierte persönliche Austausch ist dieser Form ist nur selten möglich ein einem Sektor, die keine geographische Zentralisierung kennt.

In früheren Positionen waren Sie im Bereich „Digitalisierung“ tätig, was sehen Sie da für die Bundeswehr als größte Herausforderung?

In der freien Wirtschaft wird die Digitalisierung eher früher als später dafür sorgen, dass plattform-zentrische Wertschöpfungsketten durch software-zentrische ersetzt werden. In der Automobilbranche ist der Wandel bereits im vollen Gange. Tesla baut eine Software, die eine Hardware betreibt, deutsche Autolieferanten jedoch eine Hardware, die mit einer angepassten Software betrieben wird. Tesla kann somit nutzerzentriert und anwendungsspezifisch die Integration von parallel laufenden technischen IT-Entwicklungen durchfuhren. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zur technischen Skalierung sind weitreichend.

Bei der Übertragung dieses Konzepts auf die Streitkräfte fällt auf, dass die Bundeswehr nach wie vor auf eine evolutionäre Modernisierung ihrer Hardware-Plattformen setzt. Wenn die Streitkräfte jedoch weiterhin lediglich mehr Geld in die Hand nehmen, um bereits bekannte Fähigkeiten zu reproduzieren, werden sie keinen Beitrag in Richtung einer zukunftsorientierten Armee leisten. Die Bundeswehr wird sich von der bloßen Idee der militärischen Plattform-Modernisierung, die tief in dem Beschaffungsprozess verankert ist, lösen müssen.

Für die Gegenwart heißt das konkret: realistische, zukunftsorientierte Einsatzszenarien zu entwerfen, davon den konkreten Bedarf abzuleiten und proaktiv auf die Anbieter ebendieser Technologien zugehen. Die Bundeswehr hat gerade ein einzigartige Chance, da Zeitsoldaten, die aktuell die Bundeswehr in Richtung Verteidigungsindustrie verlassen, bereits zu einer IT affinen Generation gehören. Gepaart mit der nächsten Generation an IT-affinen Soldaten könnte sich die Bundeswehr von einer Armee mit Software in eine Software mit einer Armee wandeln. Dieser Schritt benötigt den Aufbruch traditioneller Strukturen, welcher von ganz oben eingeleitet und gelebt werden muss.

Startups und Verteidigung- was unterscheidet die Anforderungen von den Gründern im nicht public-Bereich?

Im Gegensatz zum Privatsektor, erkenne ich bei Gründern im Verteidigungssektor eine hohe Identifikation mit der Bundeswehr und ihrem Auftrag – sie agieren „purpose driven“ als Überzeugungstäter. Viele haben zuvor in der Bundeswehr gedient oder in der Verteidigungsindustrie gearbeitet. Somit motiviert diese Gründer weniger die Jagd auf das schnelle Geld, sondern die Überzeugung mit der eigenen Technologie einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit ihres Landes leisten zu können. Die Gründer im Verteidigungsbereich sind sich ihrer potenziellen Verantwortung für Leib und Leben von Soldaten bewusst und fordern selbstbewusst eine faktenbasierte Abwägung von Chancen und Risiken. Lange und komplizierte Beschaffungsverfahren erschweren den Zugang für neue Startups. Der schnelle finanzielle Erfolg ist somit deutlich weniger ein Ziel, als die langfristige Etablierung in einer nachhaltigen Innovationslandschaft für Sicherheit und Verteidigung.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Beitragsbild: Lehmhaus)

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