Während England mit der Forschung beginnt, fährt man bei der FFG bereits hybrid.

Dr. Dennis Bürjes, Direktor Governmental Relations & Public Affairs und Mitglied der Geschäftsführung leitet die Geschäfte für das wehrtechnische Unternehmen FFG – Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH in Berlin. In der Bundeswehr ist er als Oberstleutnant der Reserve aktiv.

Herr Dr. Bürjes, was zeichnet die Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG) innerhalb der wehrtechnischen Industrie besonders aus?

Bereits im 19. Jahrhundert hat sich die Flensburger Schiffbau Gesellschaft (FSG) im Maschinenbau und als Ausrüsterwerft über die Grenzen Flensburgs hinaus einen Namen gemacht. Als die Bundeswehr in den 1960er-Jahren einen Partner für die Instandsetzung von Fahrzeugen und Ausrüstung suchte, konnte das Unternehmen mit seinem Know-how und langjährigen Erfahrung überzeugen. Aus dem neu gegründeten Kettenfahrzeugbereich der FSG ging dann schließlich die FFG – Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft hervor.

Dennoch zählt das Unternehmen keineswegs zum alten Eisen. Unsere Altersstruktur der FFG kann sich im deutschlandweiten Vergleich sehr gut sehen lassen: Die Kolleginnen und Kollegen im gewerblichen sind im Schnitt 36 Jahre und im kaufmännischen Bereich 41 Jahre jung. Dazu haben wir fast 70 Auszubildende in Flensburg.

Was mich persönlich aber generell besonders reizt und fortwährend beeindruckt ist, dass die FFG seit ihrer Gründung von einem traditionellen wehrtechnischen Instandsetzer von Fahrzeugsystemen und deren Baugruppen (mit immerzu gestiegener Instandsetzungstiefe und -breite) hin zu einem leistungsfähigen, modernen und vor allem innovativen mittelständischen Systemhaus in der wehrtechnischen Industrie beständig aufgewachsen ist und sich dabei weiterhin erfolgreich etabliert.

Die FFG hat zudem nicht nur ihre eigenentwickelten Fahrzeugplattformlösungen im Portfolio, sondern besitzt desgleichen beispielsweise auf dem Gebiet der Material- und Depotbewirtschaftung eine große Expertise. Der erfolgreiche Betrieb des Gefechtsübungszentrums der Bundeswehr zusammen mit dem Unternehmen Saab oder der des Bundeswehrdepots in Kappel (ABC-Materialien und -Abwehr) zeugen davon.

Wir bedienen gerne augenzwinkernd die norddeutsche und für uns passende Redewendung „Geiht nich, givt nich!“. Denn die FFG zeichnet seit jeher aus, dass wir rasch anpassungsfähig und unbürokratisch in unserer Branche agieren. Dadurch sind wir in der Lage, uns auch von Konzernen (wie in unserer Branche üblich mal als Wettbewerber, mal als Partner) in vielen Bereichen positiv abzuheben oder unterstützen zu können. Auch im Wettstreit mit den „Großen“ gilt für uns norddeutsch: „Gegenwind formt den Charakter.“

Als Sinnbild und Beweis können wir „FFG-ler“ dabei mit Stolz als zuverlässiger Partner der Bundeswehr und NATO-Länder auf unsere jüngst erfolgreichen Projekte und Vorhaben schauen.

Können Sie uns einen Einblick in bedeutende Projekte der FFG in den letzten Jahren geben?

Wohl weniger breite Aufmerksamkeit gegenüber Großvorhaben hat vielleicht das Thema Nutzungsdauerverlängerung (NDV) WIESEL 1 erhalten, welches es aber eigentlich verdient. Die FFG wurde Ende 2019 mit der NDV des bei der Luftlandetruppe äußerst beliebten Waffenträgers beauftragt. Kern der NDV bildet die Verbesserung des Schutzes, die Integration von MELLS, neuer Waffenoptik sowie die Optimierung der Energiebilanz. Dies betrifft nicht zuletzt die Komponenten Fahrwerk, ballistischer Schutz, Minenschutz, Regeneration von Obsoleszenzen bei der Beleuchtung, Waffenanlage und des Führungsinformationssystems.

Ganz praktisch ausgedrückt, ziehen wir die WIESEL-Plattformen auf links, zerlegen sie komplett, um am Ende ein gänzlich neuwertiges Fahrzeug an die Bundeswehr übergeben zu können. Dadurch ist gewährleistet, dass die WIESEL 1-Flotte noch bis min. 2030 in der Truppennutzung verbleiben kann. Wir als FFG sind stolz darauf, dass wir das Projekt NDV WIESEL 1 wie gefordert fortlaufend zügig und mit großem Erfolg für den Bedarfsträger realisieren.

Breitere Aufmerksamkeit hingegen haben wohl unsere rein firmenfinanzierte Eigenentwicklungen in letzter Zeit erhalten: Die FFG hat zwei Eigenentwicklungen unternommen, ohne das es dafür bisher eine offizielle Forderung seitens des Bedarfsdeckers gegeben hat. Auch das zeichnet die FFG als Unternehmen besonders aus.

Das Boxer-Berge-Modul ist ein neuartiges Systemmodul für den GTK Boxer und wurde nach nur rund zehn monatiger Entwicklungs- und Bauzeit erfolgreich in Flensburg realisiert. Dabei ist es unseren Ingenieuren gelungen, ein gepanzertes Modul zu entwickeln, welches am Heck über einen 5,3 Meter langen schwenkbaren Kranarm mit einer Hubkraft von 20 Tonnen verfügt. Als zweite wesentliche Bergekomponente ist im FFG-Bergemodul eine Winde mit einem 60 Meter langem Kevlar-Seil und 20 Tonnen Zugkraft verbaut. Ein etwaiger Bedarf für ein solches Modul ergibt sich beispielsweise aus den Einsatzkonzepten von Streitkräften, wenn GTK-Boxer-Flotten im Einsatz autonom und autark in die Lage versetzt werden sollen, einen Wechsel von Triebwerken (auch dem eigenen), Fahrzeugtürmen/-modulen oder das Heben des Boxers für den Radwechsel als auch das Bergen von Fahrzeugen vorzunehmen.

Ein weiteres Beispiel ist der sog. „Genesis“. Wie beim Boxer-Berge-Modul, handelt es sich auch beim FFG-Projekt „Genesis“ um eine rein firmenfinanzierte unseres Unternehmens, mit der in zukunftsfähige, innovative und moderne Konzepte und Technologien investiert wird. Die FFG hat im September dieses Jahres als erstes einen mittelschweren Radpanzer als Technologie-Demonstrator mit vollhybriden Diesel-elektrischen Antrieb der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Besondere dabei ist, dass „Genesis“ zum Beispiel über keine konventionelle Lenkung mit beweglichen Teilen mehr verfügt. Stattdessen ist jedes Rad einzeln elektrisch angetrieben und sorgt drehzahlgesteuert über die, ebenfalls selbst entwickelte, „Drive-By-Wire“ Steuerungssoftware für die gewünschte Kraft- und Richtungssteuerung.

Der „Genesis“ ist als modulares Konzept ausgelegt und ist befähigt, auf dem Heck entsprechende Missionsmodule aufzunehmen. Der erste Prototyp der FFG ist als Mannschaftstransporter vorgestellt worden und erlaubt die Aufnahme von elf Soldaten zusätzlich zu den zwei Soldaten Besatzung.

Die verbaute Lithium-Batterietechnologie versorgt den max. 40 t schweren „Genesis“ mit gut 1360 kW und erlaubt dabei eine Geschwindigkeit von 100 km/h. Darüber hinaus arbeitet ein effizienter Dieselmotor mit 200 kW „im Hintergrund“ als Generator für das elektrische System. Somit schafft es der „Genesis“ im reinen geräuscharmen elektrischen Betrieb auf eine Reichweite von bis zu 150 km und im Hybridbetrieb auf bis zu 600 km. Zudem besitzt er ohne laufenden Dieselmotor über nur eine geringe thermische Signatur. Dies verschafft ohne Frage taktische Vorteile.

Der FFG geht es hier insbesondere um den Blick in die technische Zukunft. Unsere Technik ist „skalierbar“, d.h. sie kann ebenso auf andere Fahrzeugtypen (wie zum Beispiel ein Spähfahrzeug als Nachfolger des Bundeswehrfahrzeugtyps „Fennek“ o.ä.) angewendet werden. Aktuell durchläuft „Genesis“ weiterführende Messzyklen und technische Anpassungen, um anschließend in ausgedehnte Fahrtests zu gelangen.

Wie wichtig hybride Antriebstechnologie auch im militärischen Bereich werden wird, zeigt sich nicht zuletzt an den erst vor Kurzem vom britischen Verteidigungsministerium und auch in den USA freigegeben Forschungsaufträgen in Millionenhöhe, um bisher konventionell angetriebene Militärfahrzeuge auf elektrische Hybrid-Technologie umzurüsten.

Während England also mit der Forschung beginnt, fährt man bei der FFG bereits hybrid.

Stichwort „international“ – inwieweit ist die FFG mit ihren Projekten weltweit erfolgreich unternehmerisch tätig?

Besonders erfolgreich sind wir international mit unserem Berge- und Pionierpanzer WiSENT 2. Der WiSENT 2 ist die weltweit modernste multifunktionale Fahrzeugplattform aus Basis des Leopard 2 und bereits in Kanada, Norwegen, Qatar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und künftig auch in Ungarn im Einsatz.

Aktuell plant die Bundeswehr die Ablösung des Ende der 1980er Jahre in die Truppe eingeführten Pionierpanzers „Dachs“, welcher noch auf Basis des Leopard 1 basiert. Nach nun fast 30 Jahre im Einsatz in der Pioniertruppe hat der Dachs damit langsam das Ende seiner Nutzungszeit erreicht. Im November 2019 hat das BAAINBw mit der Eröffnung des Wettbewerbs zur Beschaffung von insgesamt 44 GePiMasch auf Basis Leopard 2 eingeleitet und die FFG hat ihren WiSENT 2 angeboten. Die Entscheidung steht aktuell noch aus.

Zurückkommend auf Ihre Frage nach der Internationalität der FFG lassen sich weitere erfolgreiche Beispiele nennen:

Norwegen entschied sich für die Beschaffung einer neuen Generation geschützter Unterstützungsfahrzeuge aus dem Hause FFG. Unser „Armoured Combat Support Vehicle“ (ACSV) bietet den norwegischen Streitkräften eine kettengetriebene Fahrzeugplattform, die sowohl mit geschlossener Wanne als auch in einer offenen Variante als Transportfahrzeug erhältlich ist. Eine flexibel entwickelte Ladefläche und integrierte Containeraufnahmen prädestinieren das FFG-Fahrzeug als Träger für containerbasierte Rüstsätze (Logistik- und Nachschubverwendungen, Nahbereich-Luftabwehr, Radaranwendungen oder EloKa).

Ende 2019 hat die FFG zudem nach drei Jahren Planung, Entwicklung und Umbau mit dem Roll-out des sog. „SISU Pasi XA-203N“ für die norwegischen Streitkräfte begonnen. Hier handelt es sich um einen 6×6-allradgetriebenen Transportpanzer den die FFG in den Varianten „Armored Personal Carrier“, „Coammand Post“ und „Multi-Role Medical Platform“ kampfwertsteigerte bzw. neu entstehen ließ.

Die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Beschaffungsamt NDMA gilt als ein äußerst erfolgreiches Beispiel für unsere internationalen Kooperationen.

Welchen kommenden Herausforderungen wird sich die FFG zukünftig stellen müssen?

Die FFG sieht sich als mittelständisches wehrtechnisches Systemhaus als ein wichtiger Innovationsmotor der deutschen Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft. Dabei leisten wir eigenständig als auch im Verbund mit anderen Unternehmen der Branche als Partner einen wichtigen Beitrag, dass die Bundeswehr ihre wiederzuerlangenden und zu stärkenden Kernkompetenzen in der Landes- und Bündnisverteidigung erreicht. Dazu bedarf es konsequenterweise auch eine entsprechende Ausrüstung, Ausstattung und zukünftig belastbare Budgetierung im Einzelplan 14 des Bundeshaushalts.

Weiterhin sehen wir eine der größten Herausforderung und Missverhältnisse bei der Vergabe von Instandsetzungsrechten der Bundeswehr. Wir fordern daher unverändert, dass gerade der wehrtechnische Mittelstand – als unverzichtbarer Bestandteil – auch von der Politik und nachgeordneten Behörden bzw. Bedarfsdeckern konsequenter bei Vergaben gefördert und beteiligt wird.

Dabei muss zukünftig vermieden werden, dass der wehrtechnische Mittelstand praktisch bei der Vergabe von Instandsetzungsrechten vom entsprechenden Wettbewerb ggü. den OEMs über Jahre ausgeschlossen wird. Dies kann gewährleistet werden, indem der BUND die entsprechenden Rechte bei Abschluss von Beschaffungsvorhaben auch mit einkalkuliert und schlussendlich auch besitzt.

Nur so können wir als FFG auch weiterhin einen dienlichen Beitrag zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr beitragen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Beitragsbilder: Bürjes)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
Scroll to Top