Alarm, der Weihnachtsmann ist im Anflug!

Das Atom-U-Boot „Wladimir Monomach“ der russischen Pazifikflotte hat am 12. Dezember 2020 im Ochotskischen Meer zu Testzwecken vier „Bulawa“-Interkontinentalraketen abgefeuert. Daraufhin soll in der US-Airbase Ramstein in der Pfalz ein ungewöhnlicher Fehlalarm ausgelöst worden sein – leider kein bloßes Gerücht aus der Weihnachtsbäckerei. Immerhin: Die Abschüsse waren sofort bemerkt worden. Ob etwa durch die Radar- und Satellitenortung des nordamerikanischen Luftraumüberwachungssystems NORAD, das fällt natürlich unter strikte Geheimhaltung. Das gilt auch für die lückenlose Beobachtung des Weihnachtsmanns: Während dieser Beitrag entsteht, befindet er sich mit seinem Schlitten, aus Richtung Japan kommend, über dem Meer kurz vor Südkorea und hat bereits mehr als 1,2 Milliarden Geschenke ausgeliefert. Am Ende werden es exakt 7.623.695.221 Pakete sein.

Weitere wichtige Details sind aus den Flugprofildaten errechnet worden: Der Weihnachtsmann ist vermutlich um die 1,70 Meter groß und wiegt etwa 130 Kilogramm. Sein Schlitten ist 75 Zuckerstangen lang, 80 Lutscher breit und wiegt beim Start umgerechnet 75.000 Bonbons.

Nein, geheim ist im letzten Fall nichts – im Gegenteil: Seit mittlerweile 65 Jahren ortet die US-Luftwaffe zuverlässig den Weihnachtsmann – für viele Millionen Kinder aus aller Welt. Auch die damalige First Lady Michelle Obama gehörte zu den Freiwilligen am Telefon, die alljährlich Fragen rund um den Weihnachtsmann beantworten. Eine falsche Telefonnummer hat die Tradition der wohl ungewöhnlichsten Militäroperation der Welt begründet: Seit 1955 gibt die Luftverteidigungszentrale in Colorado Springs am Heiligen Abend Millionen Kindern rund um den Globus die aktuelle Position von Santa Claus und seinem Schlitten bekannt. Inzwischen beteiligen sich mehr als 1500 Freiwillige aus den USA und Kanada an „Tracking Santa“.

„Tracking Santa“ („Den Weihnachtsmann verfolgen“) entstand 1955 aus einem Schreibfehler in der Zeitungsanzeige eines Kaufhauses in Colorado Springs: Kinder sollten Santa Claus anrufen. Die falsche Telefonnummer war aber zufällig die der streng geheimen Luftverteidigungszentrale. Der damalige Einsatzleiter, der 2009 verstorbene Oberst Harry Shoup, schaltete schnell, als ihn ein kleiner Junge anrief, und wurde so „der erste offizielle NORAD-Beobachter des Weihnachtsmanns“. Der Offizier antwortete mit einem tiefen „Ho, Ho, Ho“ und nahm feierlich die Geschenkwünsche des Kindes entgegen. „Das war das Highlight meiner Karriere.“ Anschließend teilte er Soldaten zum Telefondienst ein. Sie gaben jedem Kind, das anrief, die aktuelle Position des Weihnachtsmanns auf seiner Reise vom Nordpol in Richtung Süden durch.

Seit dieser Zeit verbringen viele Mitarbeiter von NORAD, dem North American Aerospace Defense Command, sowie ihre Familien und Freunde alljährlich ehrenamtlich einen Teil ihrer Freizeit damit, die Anrufe und E-Mails von Kindern auf der ganzen Welt zu beantworten – Kontakte, die jedes Mal in die Milliarde gehen. Natürlich ist der Weihnachtsmann inzwischen über das Internet zu sehen. Und seit 2005 gibt es das Angebot auch auf Deutsch und findet Nachahmer wie den Google-Santatracker – ein Plagiat ist bekanntlich die höchste Form der Anerkennung.

Für die US- und kanadischen Soldaten ist „Tracking Santa“ eine willkommene Abwechslung zu ihrer Arbeit, rund um die Uhr den nordamerikanischen Luftraum und den Weltraum zu überwachen: „Wir sind die einzige Organisation, die über die notwendigen Technologien, Qualifikationen und Mitarbeiter für die Ortung des Weihnachtsmanns verfügt. Und wir lieben diese Aufgabe!“ Und so beantworten sie augenzwinkernd-ernsthaft den jungen Anrufern unter anderem auch die Frage, wieso NORAD Santa so präzise verfolgen kann: „Unsere Satelliten rund 33.000 km über der Erde verfügen über Infrarotsonden und können Wärme erkennen. Wird eine Rakete abgeschossen, entsteht sehr große Wärme – genug, dass die Sonden sie aufspüren. Die dicke rote Nase des berühmten Rentiers Rudolph liefert ein Infrarotsignal ähnlich einem Raketenabschuss.“

Folgt man den Angaben aus Colorado Springs, dann beginnt der Weihnachtsmann seine Reise meist an der internationalen Datumsgrenze im pazifischen Ozean und reist dann in westlicher Richtung weiter, besucht also zuerst den Südpazifik, dann Neuseeland und Australien. Danach macht er sich auf den Weg nach Japan, Asien und Afrika, und schließlich sind Westeuropa, Kanada, die USA, Mexiko, Mittel- und Südamerika an der Reihe. Nun sei der von Rudolph und acht weiteren Rentieren gezogene Schlitten zwar „schnell wie ein Wimpernschlag“  und daher weder durch Flugabwehrraketen noch durch Abfangjäger gefährdet. Doch wird als politischer Seitenhieb gern mal eine Routenänderung verzeichnet, zum Beispiel wegen der von den Chinesen einseitig verhängten Flugverbotszone über dem Südchinesischen Meer.

An Heiligabend ab elf Uhr morgens deutscher Zeit ist live am Computer mitzuverfolgen, wo Santa gerade seine Kreise zieht, im Zweifelsfall auch über dem Eiffelturm, dem Schloss Neuschwanstein oder der Chinesischen Mauer. NORAD koordiniere zwar den Beginn der Tour mit dem Reiseplanungs-Elfen, aber die genaue Route kenne nur der Weihnachtsmann selbst, wird betont. Schon vorher ist „www.noradsanta.org“ aktiv und bietet unter anderem Spiele, Filme und Souvenirs an – weihnachtsliedermusikalisch begleitet vom Musikkorps der US-Luftwaffenakademie, die ebenfalls in Colorado Springs beheimatet ist.

Wie ist es möglich, dass der Weihnachtsmann in 24 Stunden um die ganze Welt reisen kann? Auch auf diese Kinderfrage sind die Beobachter eingestellt. „Informationen des Geheimdienstes von NORAD zufolge nimmt er die Zeit anders wahr als wir. Seine Reise scheint für uns nur 24 Stunden zu dauern, aber in der Zeitrechnung des Weihnachtsmanns dauert sie mehrere Tage, Wochen oder sogar Monate. Er möchte sich für seine wichtige Aufgabe Zeit nehmen und sich beim Verteilen der Geschenke und dem Verbreiten von Weihnachtsstimmung nicht so abhetzen.“ Daher sei die einzige logische Erklärung die, dass für Santa Claus ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum existiere.

Oberst Harry Shoup hätte sich gewiss nicht träumen lassen, welche Kreise sein zufälliges Telefongespräch gezogen hat. Sogar aus Deutschland können Kinder mittlerweile anrufen (+1 877 446-6723), heute an Heiligabend im Internet nachschauen: https://www.noradsanta.org beziehungsweise sich per E-Mail nach dem Aufenthaltsort des Weihnachtsmanns erkundigen: noradtrackssanta@outlook.com. Chatten oder der Kontakt per Windows-App sei ebenfalls möglich.

Zum Foto:

Etwa von einem Satelliten aus fotografiert? Der Weihnachtsmann gerade im Einsatz. In dieser sicheren Höhe stellt das Corona-Virus zum Glück keine Bedrohung dar.                  Screenshot: mic

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