Vom „Tatort“ nach Afghanistan

Zum Jubiläum „50 Jahre Mord zum Sonntag“, also der beliebten Krimi-Reihe „Tatort“, hat die Süddeutsche Zeitung mehrere betrachtenswerte Statistiken veröffentlicht. Zum Beispiel dazu, in welchen Berufsgruppen die Film-Täter zu finden sind. Aus sicherheitspolitischer Perspektive ist diese Liste höchst bedenklich: Unter den Hunderten von Bösewichten finden sich zwar 49 Polizisten, 39 Ärzte, 22 Rentner oder sogar elf Journalisten, doch kein einziger Soldat. Das bestätigt Übles: Die Bundeswehr ist gesellschaftlich nicht relevant, zumindest nicht fürs Unterhaltungsfernsehen.

Das hat aber auch seine gute Seite: Bei einem Jubiläum der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung hieß es einmal, ein paar Leser mehr wären schon schön. Aber es sei schließlich beruhigend, dass eine solche Publikation in Deutschland überhaupt wieder erscheinen könne. Gehen wir deshalb davon aus, dass die Bundeswehr zwar ebenfalls wenig beachtet wird, aber trotzdem zur allgemeinen Beruhigung beiträgt.

Diesen Gedanken werden die Menschen in Afghanistan leider nicht teilen können – ein Thema, das eigentlich viel zu bitter für eine Glosse ist. Hier rächt sich die militärische Schwäche Deutschlands und Europas, die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer jüngst in einer Grundsatzrede vor der Bundeswehr-Uni Hamburg auf den Punkt gebracht hat – das lange Zitat ist es wert:

„Das renommierte Londoner RUSI-Institut schätzt, dass die USA derzeit 75 Prozent aller Nato-Fähigkeiten stellen. Die USA stellen 70 Prozent der sogenannten „strategic enabler“, das heißt beispielsweise Aufklärung, Hubschrauber, Luftbetankung und Satellitenkommunikation. Nahezu 100 Prozent der Abwehrfähigkeiten gegen ballistische Raketen werden von den USA in die NATO eingebracht. Und natürlich stellen die USA den weit überwiegenden Teil der Fähigkeiten zur nuklearen Abschreckung. Etwa 76.000 US-Soldatinnen und Soldaten dienen in Europa. Das umfasst noch nicht die Truppen, die die USA im Ernstfall zur Verstärkung schicken würden. All dies zu kompensieren würde nach seriösen Schätzungen Jahrzehnte dauern und unsere heutigen Verteidigungshaushalte mehr als bescheiden daherkommen lassen.“

Deshalb wollen wir es lieber gar nicht erst versuchen? Das traurige Beispiel Afghanistan zeigt, dass ein großer Auslandseinsatz allein mit dem militärischen Riesen USA an der Seite zu stemmen ist. Durch den irrlichternden Noch-Präsidenten im Weißen Haus wird das für die Afghanen entsetzliche Folgen haben: Den anderen Staaten wird doch gar nichts anderes übrigbleiben, als dieses Land nach fast zwei Jahrzehnten ebenfalls schnöde im Stich zu lassen. Sind also deutsche Soldaten dort letztlich umsonst gestorben? Diese makabre Diskussion wird bereits in bundeswehrnahen Internet-Foren geführt und gipfelte in dem finsteren Gegenargument, wie viele weitere denn in den nächsten Jahren noch sterben müssten, damit der Tod der anderen nachträglich einen Sinn bekomme. Natürlich: Ein zutiefst unwürdiger Streit, der im grundsätzlichen Unverständnis und damit der Ablehnung des in jeder Beziehung sehr weit entfernten Einsatzes wurzelt.

Dabei ist das zu Beginn erklärte Ziel, aus diesem Land heraus terroristische Anschläge auf den Westen wie bei 9/11 zu verhindern, durchaus erreicht worden. „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, jeder kennt diesen scheinbar pazifistischen Satz angeblich von Berthold Brecht. Er wird von der sogenannten Friedensbewegung gern zitiert, wobei der dazugehörige Folgesatz – Manipulation oder Halbwissen? – stets unterschlagen wird: „Dann kommt der Krieg zu Euch!“ Er kam nach 2002 nur noch in Form vereinzelter Anschläge zu uns – aus diesem Blickwinkel war die Afghanistan-Mission bislang sehr wohl erfolgreich. Jetzt mag sich aber lieber niemand damit befassen, was denn nach dem Truppenabzug am Hindukusch geschehen wird. Man müsse auf die „gemäßigten Taliban“ setzen, dann werde schon alles nicht ganz so schlimm. Allein der Begriff ist wie „Panzer aus Pudding“. Es schließt sich aus.

Die Extremisten werden mit der Kalaschnikow über Frauenrechte, Pressefreiheit oder Bildung entscheiden, blutigste Massaker inklusive. Also lieber nicht über das Unausweichliche reden, sondern es – aller guten Zitate sind drei – maximal mit Goethes berühmtem Osterspaziergang halten: „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen.“

Ein ignorierter Skandal ist, nur ein Beispiel, der Umgang mit den Tausenden einheimischer Ortskräfte, die als Dolmetscher, Fahrer, Handwerker oder Wachpersonal an deutschen Einrichtungen in Afghanistan eingestellt worden waren oder noch sind. Die Taliban vollziehen bereits die angedrohte Rache auch an den Angehörigen, während die deutsche Bürokratie zuverlässig die Einreise der Bedrohten erschwert. Verantwortung, Fürsorgepflicht? Nein, warum? Die haben doch Geld dafür bekommen. Außerdem sind es mitsamt der dort üblicherweise weit verzweigten Verwandschaft viel zu viele Menschen – und überhaupt müsse deren tatsächliche Gefährdungslage nach den entsprechenden Anträgen erst einmal genau geprüft werden. Gut, dass Todesangst und Leid beruhigende 5000 Kilometer weit weg und damit für uns unsichtbar sind.

Hoffnungen einer ganzen Generation werden in Afghanistan wie die Seifenblasen platzen, eine neue Flüchtlingswelle ist wahrscheinlich. Aber ohne die Amis ist da ja leider nichts mehr zu machen.  Also schneller Themenwechsel? Nein, ein wenig schlechtes Gewissen und stille Scham wäre mindestens angebracht. Und das anschließende Nachdenken darüber, was uns AKK in ihrer Grundsatzrede sagen wollte.

 

Zum Foto:

Auf dem Wachturm im Feldlager in der Innenstadt von Kandahar lenkt sich im Herbst 2010 ein US-Soldat mit Musik von der bevorstehenden gefährlichen Patrouille ab – symbolisch für ein melancholisches Abschiedsständchen aus einem Land, in dem das gegenseitige Verständnis stets schwerfiel. Foto: mic

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