Ein Jubiläum im Schatten

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Haben Sie am Donnerstag, 12. November 2020, schon etwas vor? Wie, dieses Datum sagt Ihnen nichts? Unsere Bundeswehr wird dann genau 65 Jahre alt: An jenem Tag im Jahr 1955 haben die ersten 101 Freiwilligen in der Bonner Ermekeil-Kaserne ihre Ernennungsurkunden erhalten.

Ich kann mir an dieser Stelle den platten Gag nicht verkneifen, dass die Bundeswehr damit ein Alter erreicht hat, bei dem sie ohne Wenn und Aber per Gesetz aus der Wehrüberwachung ausscheidet, ihr Soldatenstatus damit endgültig endet und sie ihre Uniform und Ausrüstung abgeben muss. Ja, natürlich ist klar, dass der Dienstgrad-Zusatz „a.D.“ nur für die Menschen in der Bundeswehr gilt, nicht aber für die Organisation selbst. Und leider erscheint angesichts der vorsichtig „unruhig“ und „schwer berechenbar“ zu nennenden Weltlage die Vorstellung gänzlich absurd, dass sich eine Bundeswehr jetzt mit dem Erreichen dieser Altersgrenze in den Ruhestand verabschieden könnte. 

Wer die bedrohliche Aufrüstung des östlichen Militärpakts in den 1970er und 1980er Jahren miterlebt hat, die wirkungsvolle Propaganda des Kreml, den heftigen Streit um den NATO-Doppelbeschluss und die lautstarke, von Russland beinahe erfolgreich missbrauchte „Friedensbewegung“ in Westdeutschland, der hat spätestens nach der russischen Annexion der Krim ein unheimliches Déjà-vu: Der Kalte Krieg ist längst wieder ausgebrochen und breitet sich, siehe Syrien oder Libyen, als angsteinflößendes Gespenst über Europa hinweg aus. Mit China ist zudem „ein neuer Spieler auf dem Feld“ – mit einem globalen Machtanspruch, den man zwingend ernstnehmen muss.

Doch eine Diskussion darüber, wie die Bundeswehr angesichts der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen aussehen sollte, eine Debatte gar über eine zeitgemäße umfassende Sicherheitsarchitektur für die Bundesrepublik – vom Katastrophenschutz bis hin zur Abwehr hybrider Kampfhandlungen – wird in Deutschland allein den Experten überlassen. Auch Struktur- und Ausrüstungsmängel interessieren im Detail nur die Fachleute. Die deutschen Streitkräfte werden darüber hinaus öffentlich leider fast nur negativ und holzschnittartig wahrgenommen: Von einer kaputtgesparten Bundeswehr als „Schrottplatz der Nation“ ist die Rede, vom zweifelhaften Ergebnis der Auslandseinsätze wie in Afghanistan, von staatsgefährdenden rechtsextremistischen Auswüchsen wie jüngst beim KSK in Calw. Es ist keine neue Diagnose: Die Truppe fühlt sich von der breiten Öffentlichkeit unbeachtet bis missverstanden und, vor allem bei den lebensgefährlichen Einsätzen, regelrecht im Stich gelassen.

Der laufende und möglicherweise durch die Corona-Pandemie stark gebremste Kurswechsel von einer Verteidigungspolitik nach Kassenlage hin zu einer Truppe, die tatsächlich wieder funktionieren soll, befindet sich in einer unklaren Übergangsphase – zu einer fröhlichen Geburtstagsparty passt das gar nicht. Heute bekennen die meisten Politiker, dass die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 kein kluger Schritt gewesen ist. Junge Männer, nur ein daraus resultierendes Problem, haben damit den letzten Kontakt zum Staat verloren und können vielleicht niemals mehr das Bewusstsein bilden, dass „Staat“ wir alle sind und jeder nach seiner Kraft etwas für das Leben dieses Gemeinwesens in Frieden und Freiheit tun muss.

Aber stopp! Diese „Mängelliste“ verstellt den Blick auf das große Ganze: Die vorangegangenen Jahrhunderte hindurch gab es im Schnitt alle 15 Jahre große Kriege in Europa. Es war mehr als 2000 Jahre ein Kontinent der blutigen Auseinandersetzungen, man denke nur an die überwundene „ewige Erbfeindschaft“ mit dem „bösen Nachbarn“ Frankreich. Nach dem Mauerfall hat die Auswertung von Militärdokumenten aus Polen, Tschechien und der DDR Überraschendes zutage gefördert: Bei einem Angriff hätte der Warschauer Pakt nicht nur Panzer und Soldaten eingesetzt, sondern sofort auch atomar losgeschlagen. So beweisen Papiere, die die DDR-Streitkräfte nicht mehr rechtzeitig vernichten konnten, dass fast 500 nukleare Gefechtsköpfe auf westdeutschem Boden explodieren sollten.

Die Bundeswehr hat, Seite an Seite mit ihren Alliierten im Nato-Bündnis, diesen apokalyptischen Dritten Weltkrieg mit verhindert. Ohne einen scharfen Schuss auf den Gegner – der größte je vorstellbare militärische Sieg!

Diese 65 Friedensjahre mit der Bundeswehr mögen – historisch gesehen – nicht viel mehr als ein Wimpernschlag sein. Sie sind aber die längste ununterbrochene Friedenszeit in Deutschland bzw. den Vorgängerstaaten. Was für eine beispiellose Gemeinschaftsleistung! Am 12. November sollten Sie also getrost fröhlich und, zumindest für einen kurzen Moment lang, unbeschwert mit Geburtstag feiern: Happy Birthday und danke, Bundeswehr.

(Beitragsbild: Michelis)

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