Besuch bei der Truppe

Wiebke Köhler arbeitete als Managementberaterin und Personalvorstand. Sie ist Gründerin und CEO von impactWunder, wir sprachen mit Ihr über Ihre neuen Bücher:

Frau Köhler, Sie haben in diesem Jahr im April und Oktober zwei Bücher zur Bundeswehr veröffentlicht. Im Buch „Besuch bei der Truppe“ führen Sie Interviews mit verschiedenen Akteuren der Streitkräfte. Was war die Idee, die zum Buch führte?

Ich hatte für mein Buch „Führen im Grenzbereich“ verschiedene Akteure zu Gesprächen eingeladen, darunter Unternehmen in der Krise und die Wissenschaft, aber auch Piloten, Notärzte sowie die GSG9 und die Bundeswehr. Konkret befragte ich mehrere Offiziere der Bundeswehr aus den drei Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe und Marine und war auch beim Kommando Spezialkräfte vor Ort. Dabei ging es darum, wie gute Führung in lebensbedrohlichen Situationen aussieht und wie die Bundeswehr diese Prinzipien vermittelt. Dieser Austausch war für mich überraschend positiv und bereichernd, so dass ich auch nach der Buchveröffentlichung weiter an Gesprächen mit der Truppe interessiert war. Es ergaben sich direkt im Anschluss die Interviews mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Zorn, und dem Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Mais. Bei diesen Treffen entstand die Idee, weitere Blicke hinter die Kasernenmauern zu werfen. Daraus ist ein Buchkonzept mit Besuchen bei anderen Truppengattungen und Organisationsbereichen entstanden, um einen möglichst repräsentativen Eindruck zu erhalten – und mit freundlicher Unterstützung der Bundeswehr konnte ich in den Folgemonaten zahlreiche weitere Soldaten aller Dienstgrade treffen. Dabei ist mir so richtig klar geworden, wie wenig wir über diesen Konzern mit fast 300.000 Männern und Frauen wissen und wie wenig sich die meisten überhaupt dafür interessieren. Dabei ist die Sicherheit, der Wohlstand, unser Lebensstandard in Deutschland ein hohes Gut, welches zu schützen und nicht umsonst zu haben ist. Und dazu tragen die Soldaten maßgeblich bei.

Besuch bei der TruppeMich persönlich reizte diese Reise in eine militärische Terra incognita, da ich als Zivilistin bisher keine Berührung mit der Bundeswehr gehabt hatte. Auch machten mich die ewig gleichen zwei Schlagzeilen zur Truppe – Material, das nicht funktioniert, und Rechtsradikalität – erst recht neugierig auf die Menschen in den Uniformen. So entstand in kürzester Zeit eine unglaubliche Sogwirkung, ein Interview führte zum nächsten. Bis das Buch „Besuch bei der Truppe“ Form annahm und nun seit dieser Woche vorliegt.

Es ist ein spannender Einblick in die Welt der Soldaten geworden, in ihre vielfältigen Aufgaben bei Ausbildung, Einsatz und Führung, und in ihre prägenden Erlebnisse. Beim Gespräch mit den Feldnachrichtenkräften zum Beispiel habe ich mich gefühlt wie im Film „Zero Dark Thirty“; bei den Gesprächen mit verwundeten Soldaten aus dem schlimmsten Gefecht der Bundeswehr nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, in Isa Khel, wie mitten im Film „Blackhawk down“. Diese höchstpersönlichen Einblicke haben mich sehr berührt. Die Werte, die sich dort zeigten, die große Kameradschaft, die klaren Führungsprinzipien – das ist schon einzigartig. Das Buch liefert durch diese Berichte und Besuche eine weitere, andere Facette zur Truppe und ergänzt den bisherigen, öffentlichen Blick auf die Truppe, ohne zu beschönigen oder zu verhehlen, dass es dort natürlich auch Probleme gibt. Wie in jedem anderen Konzern dieser Größe auch.

Deswegen ist das Buch für jeden geeignet, der eine Annäherung an die Bundeswehr sucht und der genauso neugierig auf die Welt hinter dem Kasernentor ist wie ich. Auch ist es mir ein Anliegen, meine Wertschätzung auszudrücken: Für den Dienst zugunsten unserer Verfassung und für die Überzeugung, die Sicherheit für uns alle in Deutschland zu erhöhen, verdienen die Soldaten, Reservisten und zivilen Angestellten der Bundeswehr unsere Anerkennung.

In dem im April erschienen Buch „Führen im Grenzbereich“ kommen Persönlichkeiten zu Wort, die „im Grenzbereich“ führen. Hier schlagen Sie die Brücke zum zivilen Managementbereich. Worin besteht der größte Unterschied?

Der größte Unterschied zwischen der zivilen und militärischen Welt ist, dass es das „scharfe Ende des Soldatenlebens“ nicht gibt. Kein Mitarbeiter, keine Führungskraft muss eine Verwundung oder den Tod fürchten. Aber stressige Momente unter hohem Druck gibt es in der zivilen Welt genauso wie in der militärischen. Auch hat sich gezeigt, dass sich die zugrundeliegenden Führungsprinzipien aus den diversen Grenzbereichen von Militär, Bundespolizei, Notärzten, Piloten, Unternehmen in der Krise absolut auf den normalen Managementalltag anwenden lassen. Die wichtigsten fünf Prinzipien dabei sind:

  • Führen mit Auftrag & von vorne

  • Motivation & Sinn vermitteln

  • Vertrauen erzeugen – lateral und horizontal

  • Kritik & Feedback zulassen bzw. einfordern

  • Werte & Haltung vorleben

Führen im GrenzAuch wenn wir uns glücklich schätzen können, dass wir im Büro eine sichere Arbeitsumgebung haben, so zeigen uns die Soldaten viele Führungsprinzipien auf, die es wert sind, auch in der Wirtschaft stärker gelebt zu werden. Und nicht nur die Prinzipien, sondern auch bei den Werten und dem Verhalten der Führungskräfte lohnt sich der Blick über den Tellerrand. Da sehe ich aktuell den größten Nachholbedarf.

In den Büchern und Artikeln der letzten Jahre haben Sie sich hauptsächlich mit weiblichen Führungskräften beschäftigt, wie haben Sie die weiblichen Mitarbeiterinnen der Bundeswehr wahrgenommen?

Als in jeder Hinsicht ebenbürtig. Zwar gibt es einige wenige Bereiche, wo Frauen bisher noch nicht vertreten sind, weil sie einfach körperlich andere Voraussetzungen haben – das ist zum Beispiel bei den Kommandosoldaten des KSK der Fall – aber das ist die Ausnahme. Grundsätzlich stehen die Frauen bei der Truppe genauso ihren Mann wie ihre männlichen Kameraden. Die Frauen, die ich treffen konnte, haben sich in den Ausbildungen und Einsätzen absolut bewährt und leisten genauso viel wie die Männer. Ihre Meinung dazu ist denn auch: „Schön wäre es, wenn wir über dieses Thema überhaupt nicht mehr sprechen müssten. Frauen in der Bundeswehr haben schon längst bewiesen, dass sie ihren Stellenwert haben!“ Das ist auch mein Eindruck. Auch gibt es viele UN- bzw. NATO-Einsätze, wo nur mit weiblichen Soldaten ein Zugang zur weiblichen lokalen Bevölkerung hergestellt werden kann. Auch das ein wichtiger Aspekt, der nochmal deutlich macht, wie wichtig Frauen in den Streitkräften sind.

Der Generalinspekteur hat mir in unserem Gespräch genau erläutert, was alles zur Frauenförderung getan wurde und weiterhin getan wird. Da werden wir in Zukunft sicher noch viele Frauen in Führungspositionen erleben. Gerade wurde die erste Generalärztin bestätigt. Ein tolles Signal!

Seit Ihrem Studium in Hamburg beschäftigen Sie sich mit Themen des Personalmanagements und Führungskräften in Unternehmen. Wie ist Ihr Augenmerk auf die Bundeswehr entstanden?

Mit über zwanzig Jahren Erfahrung in der Strategieberatung habe ich immer wieder HR-Projekte für meine Klienten begleitet. Da gab es zahlreiche Fragen zur HR-Strategie, zur strategischen Personalplanung, zur Talententwicklung und zum Employer Branding. Vor allem in meiner Zeit als Personalvorstand habe ich mich gefragt, wie man die eigenen Leistungs- und Potentialträger im Haus halten kann. Das ist in Zeiten des demografischen Wandels ein vordringliches Thema, noch dazu, wenn der nächste Arbeitgeber nur einen Anruf oder eine Straße entfernt ist. Um die Leute bei der Stange zu halten, ist das Erzeugen eines echten Sinns notwendig. Neudeutsch auch Purpose genannt. Dieser sollte emotional bewegen und die Menschen wirklich berühren – reine Fakten oder rationale Zielsetzungen der Strategiepapiere reichen da nicht aus.

Um einen solchen Purpose abzuleiten, hatte ich Vertreter verschiedener Unternehmen zu einem Workshop eingeladen. Dort bat ich auch einen Offizier der Bundeswehr mit dazu. Als dieser von dem Purpose der Soldaten berichtete, war es mucksmäuschenstill im Raum. Ungläubiges Staunen machte sich in allen Gesichtern breit: „Was, die treten für die Sicherheit des Vaterlands an, für die Verteidigung der Verfassung? Echt jetzt?“ Es hat uns alle unvorbereitet getroffen, dass die Soldaten sich uneigennützig für das Gemeinwohl einsetzen. Ich vermute, erst dort ist dem einen oder anderen die Bedeutung von „Wir.Dienen.Deutschland“ so richtig klar geworden. Für mich war das ein Impuls, mich näher mit den Soldaten auseinanderzusetzen – was dann im Rahmen des Buchprojekts „Führen im Grenzbereich“ auch erfolgte.

Der Großteil der Soldaten verlässt (als SaZ) nach einigen Jahren die Bundeswehr, wo sehen Sie die größten Stärken und den größten Nachholbedarf für eine anschließende Jobsuche?

Den meisten Soldaten ist die zivile Welt genauso fremd wie mir die militärische gewesen ist. Da braucht es für die Soldaten eine Art Übersetzungshilfe, um diese Anpassung gut vornehmen zu können. Das geht bei den Formulierungen von Zeugnissen und Arbeitsplatzbeschreibungen los – die uns Zivilisten wenig bis nichts sagen oder aber nach unserer Lesart merkwürdig formuliert sind –, führen zu den typischen Verhaltensweisen in einem Konzern und enden bei Fragen der Positionierung, des Eigenmarketings und der ungeschriebenen Konzern-Gesetze. Da gibt es ohne Hilfe jede Menge Lehrgeld zu bezahlen. Von daher habe ich, mit Hilfe ehemaliger Kameraden, einen ersten Leitfaden zusammengestellt, der wichtige Eckpunkte aufgreift. Diese Tipps für den erfolgreichen Wechsel von Soldaten ins zivile Berufsleben finden sich hier: https://lnkd.in/eZqYSPf

Was die meisten Soldaten als Stärke mitbringen, sind klare Werte, schnörkellose Haltung und ein gutes Fundament an Führungsprinzipien. Die Innere Führung, die Führung von vorne, Auftrags- und Befehlstaktik sowie den hohen Kameradschaftsgeist – das sind alles Elemente, die auch in einem zivilen Führungsalltag hilfreich sind und überzeugen.

Der Ausstieg bleibt dennoch insgesamt nicht ganz leicht für Soldaten. Dafür gibt es, jedenfalls bei uns in Deutschland, zu viele Vorurteile und zu wenig Kenntnisse über die Bundeswehr. Da ist eine fortlaufende militärisch-zivile Annäherung und Verständigung notwendig. Dazu möchte ich gerne weiter beitragen.

Vielen Dank für das Gespräch

(Beitragsbilder: Köhler)

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