Umdenken bei Tornado-Nachfolge notwendig

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Roger Näbig arbeitet als Rechtsanwalt und freier Journalist in Berlin mit dem Fokus auf globalen Konflikten, Verteidigung, Sicherheit, Militärpolitik, Rüstungstechnik & Kriegsvölkerrecht. Wir haben mit ihm zur aktuellen Kampfflugzeug-Debatte gesprochen.

Herr Näbig, Sie haben in mehreren Artikeln über die Beschaffung des Tornado-Nachfolgers geschrieben- was sehen Sie zum jetzigen Zeitpunkt als die beste Lösung?

Zurzeit halte ich keine der vorgeschlagenen Lösungen für optimal. Die F-18 Super Hornet und die Growler werden bei der US Navy schon als Auslaufmodelle gehandelt. Über Block III hinaus will man keine weiteren Verbesserungen mehr implementieren. Zudem sind beide Modelle für den Trägerbetrieb optimiert, was zu einem erheblichen Leistungs- und Betriebskostennachteil gegenüber vergleichbaren landgestützten Kampfflugzeugen führt. Der bislang für die Growler eingesetzte EloKa-Pod (Elektronischer Kampf) gilt als veraltet, ein neuer ist in der Entwicklung, aber noch nicht serienreif.
Politik und Industrie in Deutschland haben es versäumt, rechtzeitig ein europäisches Modell als Ersatz für den Tornado in der NT- (Nukleare Teilhabe) bzw. SEAD-Rolle (Unterdrückung feindlicher Flugabwehr) zu beauftragen und zu entwickeln. Der von mir jüngst als Alternative vorgeschlagene Mix aus F-15EX für NT sowie britischer Eurofighter Typhoon-Version FGR4 für SEAD und EloKa ist auch nur eine Übergangslösung bis zur Serienreife des FCAS. Bei FCAS gibt es mittlerweile Probleme zwischen den Partnern Deutschland und Frankreich bezüglich der Finanzierung, Entwicklung und späteren Vermarktung, worauf unter anderem Dr. Christian Mölling von der DGAP gerade in einem Artikel für die SZ hingewiesen hat.

Unter Abwägung all dieser Gesichtspunkte würde ich aktuell für die Beschaffung der F-35 plädieren, die alle von mir beschriebenen Aufgaben übernehmen könnte. Viele europäische NATO-Partner sind diesen Schritt bereits gegangen. Allerdings würde dies wohl zu beträchtlichen außenpolitischen Problemen mit Frankreich bei der Entwicklung des FCAS führen und innenpolitisch beim Koalitionspartner SPD auf massiven Widerstand stoßen.

Im Juni diesen Jahres haben Sie geschrieben, dass die F-35 nur „leidlich funktioniert und bislang wenig zuverlässig ist“. Wie sehen Sie den Jet heute im Vergleich mit der Konkurrenz?

Ich habe mich in zwei Beträgen über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren sehr intensiv mit der F-35 beschäftigt und auf die Untersuchungsergebnisse der Innenrevision des Pentagon hingewiesen, die teilweise sehr negativ ausgefallen sind. Ich habe aber auch auf die Flugerfahrungen eines norwegischen Piloten hingewiesen, der sich wiederum sehr positiv über die F-35 geäußert hat. Die F-35 ist meiner Meinung nach momentan das modernste Kampfflugzeug der Welt, auch wenn sie noch unter technischen Problemen leidet. Das ist aber kein Phänomen, was nur bei der F-35 auftritt. Auch bei der F-16, einem der erfolgreichsten Kampfflugzeuge überhaupt, gibt es bis heute Mängel, mit denen die Beteiligten gelernt haben, umzugehen.

Geben Sie der F-35 noch vier bis fünf Jahre, dann haben ein sehr potentes Luftkampfsystem, dem weder die Rafale, der Eurofighter, die F-18 Super Hornet Block III noch die F-15EX das Wasser reichen können. Mit Block 4 kommen völlig neue Fähigkeiten, wie Drohnen als sogenannte loyale Flügelmänner oder neue Waffensysteme hinzu, die der F-35 zusätzliche Fähigkeiten und mehr Kampfkraft verleihen. Allerdings müssen die seit Jahren vorhandenen „Kinderkrankheiten“ des Kampfjets endlich beseitigt werden. Ein Indikator ist insoweit für mich die israelische Luftwaffe. Dort setzt man die F-35 bereits intensiv auch in Kampfeinsätzen ein und scheint zufrieden zu sein. Israel erhielt gerade eine neue, speziell auf ihre militärischen Bedürfnisse ausgerichtete Version der F-35 mit vermutlich speziellen EloKa-Fähigkeiten. Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, dass Israel ihre F-35 selbst wartet, mit eigener Avionik ausrüsten darf und nicht am globalen ALIS-Datenabgleich teilnimmt.

Sie selbst sind Jurist und waren nie bei der Bundeswehr – betreiben aber einen der größten Twitter Accounts zur Sicherheitspolitik- woher stammt Ihr Interesse?

Ich habe mich schon als Jugendlicher sehr intensiv mit Militärgeschichte und -technik beschäftigt. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges, 1961 im Westteil Berlins geboren. Für mich war die Ost-West-Konfrontation vom Mauerbau bis zum Mauerfall in all Ihren Facetten, wie z.B. der äußerst kontroverse NATO-Nachrüstungsbeschluss oder der Einmarsch der UdSSR in Afgahnistan, beides kurz vor meinem 18. Geburtstag, keine Erfahrung aus Erzählungen Dritter, sondern unmittelbar erlebtes Zeitgeschehen. Wenn ich mir die Entwicklung der letzten Jahre ansehe, denke ich manchmal, ich würde ein Déjà-Vu erleben. Im Jurastudium wählte ich als Wahlfach Kriegsvölkerrecht (heute: humanitäres Völkerrecht) und habe auch meine Examenshausarbeit darin geschrieben.

Wenn sie sich mit dem Kriegsvölkerrecht ernsthaft beschäftigen wollen, dann müssen sie sich zwangsläufig z.B. auch mit Konflikten, Waffensystemen und militärischen Strategien auseinandersetzen. Ich empfinde das „Defizit“, nie bei der Bundeswehr gewesen zu sein, auch als Chance, als „Ungedienter“ unbefangener an die rüstungs- und militärpolitischen Probleme unserer Tage herangehen zu können. Durch das Jurastudium und meinen Beruf als Rechtsanwalt habe ich auch gelernt, mit einer Fülle von Quellen, Informationen und Problemen klar zu kommen, diese zu ordnen, aufzubereiten sowie entsprechend analysieren zu können, um dann meinen Followern bei Twitter und den Lesern des Blogs ein hoffentlich ausgewogenes Gesamtbild liefern zu können.

Die Idee der gemeinsamen Beschaffung innerhalb der NATO bzw. EU wird immer neu propagiert und dann wieder nicht umgesetzt- sehen Sie Projekte mit Potential?

Was mir momentan sehr am „militärpolitischen“ Herzen liegt, ist die Entwicklung einer eigenen europäischen Kampfdrohne. Der Konflikt im Kaukasus hat auch wirklich dem Letzten vor Augen geführt, wie wichtig diese Technologie auch in zukünftigen Konflikten sein wird. Zurzeit sind hier die USA und Israel führend, Europa hinkt technologisch hinterher. Damit geht aber auch eine bessere Ausstattung der Bundeswehr und anderer Armeen bei SHORAD (Flugabwehr auf kurze und kürzeste Distanz) zur Drohnenabwehr einher. Das eine ist die Kehrseite des anderen.

Zur Stärkung der deutsch-französische Rüstungskooperation in Europa nach dem Brexit wünsche mich mir darüber hinaus einen Erfolg von FCAS (neuer Kampfjet 6. Generation) und MGCS (neuer Kampfpanzer für Deutschland und Frankreich), habe aber Bedenken, ob beides wirklich jemals bei den Armeen in Europa eingeführt wird.

Etwas exotischer ist da vielleicht mein letzter Vorschlag für ein bereits bestehendes, gemeinsames Projekt von NATO & EU: Wichtige Infrastruktur, wie Brücken, Straßen, Schienen, Bahnhöfe und Häfen, in Mittel- und Osteuropa so zu modernisieren und auszubauen, dass sie im Konfliktfall auch in der Lage ist, eine schnelle Verlegung von großen militärischen Verbänden mit schwerem Gerät zu ermöglichen. Durch die Corona-Pandemie ist dieses Vorhaben in der Versenkung verschwunden, es ist aber u.a. entscheidend für eine glaubwürdige konventionelle Abschreckung Russlands vor weiteren militärischen Abenteuern in Europa.

Was ist das Thema, mit dem Sie sich für Ihren nächsten Artikel beschäftigen?

Zurzeit beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem neuen russischen Kampfpanzer T-14 Armata. Allerdings tue ich mich schwer damit, brauchbare, belastbare Informationen zu bekommen. Entweder liest man Lobpreisungen von russischer oder Verrisse von westlicher Seite oder einfach nur wenig brauchbare Plattitüden. Nur die Schweizer und Österreicher scheinen grundsätzlich etwas unbefangener an diesen modernen russischen Kampfpanzer heranzugehen, dessen ungewöhnliches Konzept mehr Beachtung bei uns finden sollte. Schließlich haben die UdSSR und Russland entscheidend den Panzerbau seit den 1940er Jahren vorangetrieben. Ich hoffe darauf, noch vor Dezember meinen neuen Blogbeitrag veröffentlichen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Beitragsbild: Roger Näbig)

 

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