„Das KSK wird sich teilweise neu erfinden müssen“ -Florian Kling

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Im Gespräch: Florian Kling, seit Oktober 2019 Oberbürgermeister von Calw.

1. Sie haben am 01.09. mit Repräsentanten der Stadt eine Plakatkampagne
gestartet- wann haben Sie die Idee dazu entwickelt?

Mir war es wichtig, dass die Soldatinnen und Soldaten im KSK nicht das Gefühl haben, alleine vor dieser großen Aufgabe zu stehen. Die Führung und die Truppe hat in den letzten Monaten gespürt, dass es ernst um ihre Einheit steht und dass sie ein Problem haben. Die Befassung der Medien und der Politik mit diesem Thema, sowie ein 60-seitiger Katalog mit zahlreichen ToDos und Reformpaketen haben vielleicht den Eindruck entstehen lassen, dass der einzelne Mensch in der Kaserne zu kurz kommt. Bei meinem letzten Besuch in der Kaserne habe ich die schlechte Stimmung und sorgenvolle Atmosphäre bei den Soldatinnen und Soldaten wahrgenommen. Guter Dienst und die nötige Motivation diese schwierige Zeit durchzuhalten benötigen daher Rückhalt aus der Gesellschaft, weshalb wir ein städtisches Zeichen für die Menschen hinter den Kasernentoren setzen wollten. Auch die Angehörigen und Familien, die in der Region leben haben dieses Zeichen verdient. Dabei nimmt niemand die aufgedeckten Vorkommnisse und das Thema Rechtsextremismus nicht ernst, aber ich weiß auch, dass eine Reform nur mit der Truppe und nicht nur gegen sie zum Erfolg führt. Wir haben daher die volle Bandbreite von Bürgern darstellen wollen, die für sich unsere Heimat ausmachen und die regelmäßig mit Soldaten und deren Familien in Beziehung stehen. Dieses Miteinander macht die Beziehung zwischen Bundeswehr und ihrer Garnisonsstadt aus. Die Bürger bringen zum Ausdruck, dass die Soldaten ihnen wichtig sind und ihre Arbeit Wertschätzung findet.

2. Befürchten Sie auch negatives Feedback zur Kampagne?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welche Reaktion ich erwartet habe. Ich habe mich zumindest auf jedes Feedback eingestellt. Die Zielgruppe dieser Kampagne und der Kreis der Betroffenen ist zunächst ein sehr lokaler. Angesprochen werden die Soldaten und ihre Familien beim Kommando Spezialkräfte. Bewegen wird dieses starke Statement aber auch die Calwerinnen und Calwer. Hier würde ich mich sogar über negatives und positives Feedback sehr freuen, denn ich habe den Anspruch, dass unsere Bürgerschaft sich mit diesem Thema beschäftigt und darüber ins Gespräch kommt. Wir möchten ein Miteinander zwischen Bundeswehr und unserer Stadt erreichen, das heißt man muss sich mit diesem Thema auch auseinandersetzen. Das schlechteste Feedback wäre daher eine „Ist-mir-egal“-Haltung der Bevölkerung. Die Soldaten sollen nicht als abgekoppelte Welt „da oben auf dem Berg“ wahrgenommen werden, sondern als Teil dieser Stadt. Für die Soldatinnen und Soldaten ist dabei eine kritische Auseinandersetzung mit ihrem Beruf und ihrem Auftrag selbstverständlich, sonst wäre es keine Parlamentsarmee.

3. in den letzten Wochen war Ihre Gemeinde im Medienfokus- wie hat sich das auf das Leben in der Stadt ausgewirkt?

Selbstverständlich wird in der Stadt und unter den Bürgern über die Vorfälle im KSK gesprochen. Es ist nicht schön, wenn man von seiner Stadt über rechtsextremistische Vorfälle in der Bundeswehr liest. Trotzdem haben alle eine kühlen Kopf bewahrt und die Diskussion wurde sehr sachlich geführt. Sowohl im Gemeinderat als auch in der Bürgerschaft wurden einerseits die Vorfälle aufs schärfste Verurteilt, aber immer auch besonnen darauf hingewiesen und betont, dass die überwiegende Anzahl an Soldaten mit beiden Beinen auf dem Grundgesetz stehen. Diesen professionellen Umgang habe ich auch in persönlichen Gesprächen mit dem Kommandeur des KSK erhalten. Ich glaube dass wir froh sein können Herrn Brigadegeneral Kreitmayr derzeit auf diesem wichtigen Posten zu haben. Die Stadt selbst hat im Frühjahr und Sommer aufgeblüht wie eh und je. Das tolle Wetter hat in der lebendigen historischen Fachwerkstadt, eingebettet in ein Schwarzwaldtal, dazu beigetragen, dass die Stimmung auch weiterhin sehr gut ist und alle Hoffnung in die nun angeschobenen Reformen gesetzt werden.

4. Viele der Bundeswehrangehörigen wohnen im Umfeld der Kaserne, wie hat sich das im Zusammenleben geäußert?

Uns ist nicht bekannt wie viele Familien direkt in der Stadt Calw leben, außer dass es sehr viele sind. Natürlich wohnen viele auch in anderen Nachbargemeinden oder abgelegenen Schwarzwalddörfchen. Über die Betriebe und Geschäfte in Calw weiß ich aber, dass ein stetiges Besuchsaufkommen von Angehörigen, deren Kindern in unseren Bildungseinrichtungen und Soldaten zu verzeichnen ist. Ohne Uniform fallen die jungen Familien bei uns nicht weiter auf. Im Bekanntenkreis wurden die Familien natürlich auch auf die schwierige Situation in der Kaserne angesprochen – man macht sich natürlich Sorgen, aber auch hier wird die Geheimhaltung sehr ernst genommen. Ich habe mehrmals positives Feedback über meine Äußerungen und differenzierten Aussagen zum KSK in den Medien erhalten – viele Familien freut es, dass der neue Oberbürgermeister mit der Bundeswehr etwas anfangen kann und für ihn dieses Thema nicht weltfremd ist.

5. Wie ist der aktuelle Stand der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, befürchten Sie eine Schließung?

In den letzten Monaten war viel über eine mögliche Standortschließung oder gar die Auflösung des Kommandos zu lesen. Auf eine Anfrage unseres Kreistages an das Verteidigungsministerium wurde uns diese Sorge inzwischen genommen. Wir sind zuversichtlich, dass die Reformen nachhaltig den Standort sichern und dauerhaft zu einem guten Klima und einer guten Moral in der Truppe führen. Das KSK wird sich teilweise neu erfinden müssen und in manchen Bereichen andere Wege einschlagen müssen wie bisher – Wandel hat aber noch niemandem geschadet. Für die Beziehung zwischen Stadt und Truppe hoffe ich künftig auf mehr Austausch und Begegnung. Wir möchten, dass die Soldaten hier eine Heimat finden in der sie sich wohl fühlen. Auch die Bürgerschaft hat Interesse und Neugier an den Soldaten und deren wichtiger Aufgabe – da möchte man gerne mal hinter das Kasernentor spicken oder ein Hauch von Kasernenluft schmecken. Eventuell kann künftig mit einem Informationszentrum des KSK dieser Bedarf gestillt werden. Hier arbeiten wir gerade gemeinsam an einem Konzept um auch eine öffentlich zugängliche Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger zu schaffen. Auch bei weiteren Themen stecken wir die Köpfe zusammen und versuchen auszuloten wie viel Transparenz trotz notwendiger Geheimhaltung möglich ist. Es sind schon ein paar sehr gute Ideen auf den Tisch gekommen – und rede ich nicht nur von einer Gulaschkanonen beim Calwer Stadtfest.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellte Christian Rump)

(Beitragsbild: Stadt Calw/ Kling)

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