Vor 50 Jahren: Soldatenmörder von Lebach verurteilt

Von Helmut Michelis

Vor 50 Jahren, am 7. August 1970, ist in Saarbrücken das Urteil gegen die Soldatenmörder von Lebach gefällt worden. Der Fernsehsender „ZDFinfo“ widmete dem größten Verbrechen in der Geschichte der Bundeswehr am 25. April eine 44-minütige Sendung: Die Psychologin Katinka Keckeis und der ehemalige Profiler Axel Petermann rollten das grausige Verbrechen, dem vier junge Soldaten zum Opfer fielen, noch einmal auf. Auch ehemalige Fallschirmjäger kamen als Zeitzeugen zu Wort.

 

Sinnlosigkeit hoch drei“, so bringt es Oberstabsfeldwebel d.R. Hans-Dieter Schneck in der Dokumentation „Aufgeklärt – Spektakuläre Kriminalfälle“ mehr als ein halbes Jahrhundert später auf den Punkt. Es ging den Mördern aus Landau in der Pfalz nur ums Geld: Die insgesamt drei Männer „aus geordneten Verhältnissen“ seien im direkten Wortsinn „über Leichen gegangen“, um sich ein erträumtes Luxus-Leben in der Südsee zu finanzieren, stellt der ehemalige Mord-Ermittler Axel Petermann in ZDFinfo fest. Das „eigentliche“ Verbrechen sollte erst folgen: Erpressungen im Namen eines angeblichen „Dr. Sardo“ im ganz großen Stil – mit der in Lebach gezielt aufgebauten Drohkulisse, zu der die blutigen Morde und die erbeuteten Waffen gehörten.

Was war geschehen? Am 20. Januar 1969 um 2.50 Uhr in der Nacht überfallen zwei Unbekannte das Wachlokal des Munitionsdepots der Bundeswehr in Landsweiler, einem Stadtteil von Lebach im Landkreis Saarlouis. Die beiden Männer richten ein Blutbad an, erschießen Unteroffizier Erwin Poh (21), den Obergefreiten Arno Bales (28) und den Gefreiten Dieter Horn (21) im Schlaf. Als im Anschluss die Pistole eines Täters Ladehemmung hat, sticht er mit einem Tauchermesser 13-mal auf den Gefreiten Reinhard Schulz (21) ein, der flüchten kann, sich versteckt und schwer verwundet überlebt. Der Gefreite Ewald Marx (21) kämpft im Krankenhaus ums Überleben, erliegt aber seiner schweren Verwundung. Morgens um 07.30 Uhr trifft die Wachablösung ein und findet ihre drei toten und zwei schwer verwundeten Kameraden.

Noch immer fassungslos berichtet Hans-Dieter Schneck vor der Kamera über die im Laufe der Ermittlungen öffentlich gewordene Schludrigkeit, mit der die Wache damals durchgeführt worden sei: Die Soldaten seien zum Beispiel zwischendurch geschlossen im Unimog auf die Kirmes oder zum Mittagessen in eine Kneipe bei Landsweiler gefahren. „Der Soldatenmord von Lebach traf die Bundeswehr mitten im Frieden und führte sie regelrecht vor, indem er ihre Sicherheits-Defizite enthüllte“, heißt es auf der ARD-Internetseite „Das Erste“ unter „Die großen Kriminalfälle“. Als unmittelbare Folge verbesserte die Bundeswehr die Sicherheitsvorkehrungen der Liegenschaften, insbesondere die der Wachlokale.

Die Verbrecher hatten, wie sich später herausstellte, vier der zwölf Munitionsbunker aufgebrochen und 1000 Schuss Gewehr- und 50 Schuss Pistolenmunition, zwei Pistolen P1 sowie drei Gewehre G3 geraubt. Lange Zeit seien eine große, möglicherweise sogar internationale Organisation aus dem Nahen Osten oder auch eine Terroristengruppe aus der deutschen linksradikalen Szene hinter dem Verbrechen vermutet worden, berichtet der Zeitzeuge Oberstabsfeldwebel d.R. Winfried Ostländer in dem Film. Und Stabsfeldwebel d.R. Rudi Hermann ergänzt: „Ich wollte es nicht glauben, dass ein ehemaliger Soldat aus diesem Standort und ein ehemaliger Soldat aus meiner Kompanie die Hauptübeltäter waren.“

Hans Jürgen F., damals 27 Jahre alt, hatte vom 1. April 1967 bis zum 30. September 1968 als Wehrpflichtiger beim Fallschirmjägerbataillon 261 in Lebach gedient und besaß die nötige Ortskenntnis. „Während seiner Dienstzeit wurde Anfang 1968 in Lebach eine Pistole „P1 Walther“ gestohlen – eine der beiden Tatwaffen. Anfang Januar verschwand aus dem Asservatenschrank im Geschäftszimmer des Landauer Amtsgerichts eine Pistole vom Typ „Schmeißer 6,35 Browning“, die zweite Tatwaffe. Gerichtsassistent Wolfgang D. hatte sie unbemerkt mit nach Hause genommen und in einer Lautsprecherbox seiner Stereo-Anlage versteckt.

Es handelte sich um ein Verbrecher-Trio. Der dritte Mann konnte allerdings vor Gericht nachweisen, dass er an den Morden unmittelbar nicht beteiligt gewesen war. Die ZDFinfo-Dokumentation, die leider in der Mediathek nicht mehr abrufbar ist, befasst sich ausführlich mit dem sexuellen Hintergrund: Die drei Männer seien homosexuell gewesen und ihrem Anführer hörig. Solche gleichgeschlechtlichen Beziehungen waren damals strafbar. „Am Rande der Gesellschaft zu stehen, das schweißte die Drei zusammen“, so Profiler Petermann.

Eine der größten Fahndungsaktionen der deutschen Nachkriegsgeschichte verlief zunächst erfolglos. Zwei Monate später war es die im Nachkriegsdeutschland legendäre Madame Buchela aus Remagen, mit bürgerlichem Namen Margarethe Goussanthier. Sie entdeckte den entscheidenden Hinweis allerdings nicht in ihrer Glaskugel, sondern gab ihn schlicht wegen der Erwähnung des Erpressernamens „Dr. Sardo“. Dieser Unbekannte wollte – scheinbar im Auftrag der Familie des Schahs von Persien – ihr Kunde werden. Später stellte sich heraus, dass die Verbrecher die reiche Wahrsagerin entführen und sie durch die Injektion mit einer Giftspritze zwingen wollten, ihnen das vermutete große Vermögen an Bargeld und Gold und Schmuck auszuhändigen. Die Buchela wurde jedoch zum Glück misstrauisch, folgte dem Mann, wie von ihm gefordert, nicht, sondern ließ das Autokennzeichen seines Begleiters notieren. Als die Sendung „Aktenzeichen XY“ über die Morde von Lebach berichtete und in diesem Zusammenhang den Namen „Dr. Sardo“ erwähnte, sah das auch die Wahrsagerin und gab das Kennzeichen sofort an die Polizei weiter. Mit „Dr. Sardo“ waren Erpresserbriefe an Dritte unterzeichnet, denen – zur Verstärkung der Drohung – herausgerissene Seiten aus dem Lebacher Wachbuch beigefügt waren.

Schnell waren daraufhin die Täter ermittelt. Am 7. August 1970 wurden D. und F. verurteilt: Lebenslang u. a. wegen Mordes in vier Fällen, Mordversuchs, der dritte Mann zu sechs Jahren wegen Beihilfe zum Mord. Wolfgang D. kam nach 23 Jahren Haft in den 90er Jahren frei und führt seitdem ebenfalls wieder ein normales bürgerliches Leben in Freiheit. Sein Kompagnon Hans Jürgen F., mittlerweile 74 Jahre alt, zeigt dagegen keine Reue und sitzt immer noch in einer Einzelzelle im Haus 4 der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt. Er ist damit nach „Bild“-Recherchen der derzeit am Längsten inhaftierte Gefangene in Deutschland. F. hat zwar seit Ende 1985 das Recht, einen Prüfantrag auf Haftentlassung zu stellen, tut das aber nicht. Wie Petermann in dem Film sagt, beteuere er nach wie vor seine Unschuld. Er wolle das Urteil deshalb nicht durch ein Gnadengesuch, das Reue voraussetzt, indirekt anerkennen. Seine Behauptung: D. habe die vier Soldaten ermordet, er habe nur auf einen eingestochen.

Nachträgliche juristische Bedeutung wurde dem Verbrechen dadurch zuteil, dass ein 1972 vom ZDF produziertes zweiteiliges Dokumentarspiel zum Thema auf Ersuchen der Täter durch das Bundesverfassungsgericht ein Sendeverbot erhielt. Dieses sogenannte Lebach-Urteil sollte unter anderem eine Resozialisierung der Verurteilten ermöglichen. Die Produktion wurde deshalb bis heute nicht ausgestrahlt. Seit diesem Grundsatzurteil werden in bundesdeutschen Medien Namen und Gesichter von Strafgefangenen anonymisiert. ZDFinfo zeigte allerdings Filmausschnitte aus dem Prozess, in dem auch die Angeklagten zu sehen waren.

Das betroffene Bataillon 261, als Luftlande-Jägerbataillon 106 bereits im Juli 1956 aufgestellt, gilt als erster einsatzfähiger Fallschirmjäger-Verband der Bundeswehr. Es wurde im Rahmen einer Umstrukturierung am 31. März 2015 aufgelöst. Der Standort Lebach blieb indes erhalten: Die Graf-Haeseler-Kaserne beherbergt heute die Fernmeldekompanie des Eurokorps, die Luftlandeaufklärungskompanie 260 und das Sanitätsversorgungszentrum Lebach. Eine Plakette zum Gedenken an das grausame Verbrechen von 1969 war lange am dortigen Wachgebäude, danach an einem großen Stein vor dem Stabsgebäude des Fallschirmjägerbataillons 261 angebracht. Inzwischen wurde dieser Gedenkstein direkt neben den Exerzierplatz der Graf-Haeseler-Kaserne versetzt. Die aktiven Fallschirmjäger gedenken alljährlich der Opfer des ungeheuerlichen Verbrechens ebenso wie die Landeskameradschaft Saarland des Bundes Deutscher Fallschirmjäger.

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/-aufgeklaert-spektakulaere-kriminalfaelle-die-morde-von-lebach-100.html

 

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